Ab und an werde ich gefragt, warum ich überhaupt Bilder nachbearbeiten muss. Bin ich vielleicht zu doof, die Kamera zu bedienen? Habe ich vielleicht das falsche Modell? Oder einfach nur Komplexe? Sind Menschen, die ihre Bilder bearbeiten nur einfach irgendwelche Hipster? Ich werde versuchen das Thema mal aufzurollen …

Was ich unter Nachbearbeitung verstehe

Nachbearbeitung ist ein total schwammiger Begriff, daher unterteile ich das mal in drei Segmente:

  • Eine Entwicklung der digitalen Negative (RAW zu JPG), also eine Formatumwandlung.
  • Ein paar Regler schieben, um z. B. Kontrast und Farbe zu verbessern.
  • Dinge im Bild dazudichten oder entfernen.

Was ist erlaubt, was nicht?

Darüber kann man sich lange streiten. Die Grenzen zwischen erlaubt/nicht erlaubt sind weder von jemanden klar definiert, noch auf jedes Motiv eindeutig anwendbar. Deshalb würde ich gerne weiter unterteilen:

Verwendungszweck

Es ist schon ein Unterschied, ob du das Bild für dich zu Hause machst oder ob du damit einen Wettbewerb gewinnen willst.

Wenn du was hinzufügst oder wegnimmst, was nie da war, kann dir das zwar kaum einer nachweisen, aber es ist moralisch fragwürdig. Ganz schlechtes Karma!

Bildaussage

Abstrakte Fotos dürfen bis zum Erbrechen bearbeitet sein, weil sie genau so wirken sollen. Ob ein total überdrehtes HDR-Bild der Aussage hilft, weiß ich nicht. Ist möglich?

Du kennst die Werbeplakate von Hornbach? Falls nicht: Klick!
Harte Kerle und Kerlinnen „crisp“ bearbeitet: Knackscharf, entsättigt und semi-HDR-Look für dreckige Haut. Sieht voll nach Bauarbeiter aus, ne? Niemand sieht so aus, aber es hilft der Bildaussage!

Keine Nachbearbeitung

Bilder ohne Nachbearbeitung können gut aussehen, davon bin ich überzeugt. Die Frage, die du dir stellen solltest ist: Warum würde ich das Bild nachbearbeiten? Ist es vielleicht total langweilig und ich könnte es mit Nachbearbeitung noch etwas aufpeppen? Vielleicht ist es dann doch eher ein Fall für die unergründlichen Tiefen deiner Festplatte.

Je mehr du während des Fotografierens richtig machst, desto weniger Zeit musst du hinterher in die Bildbearbeitung investieren.

Es ist sogar nützlich sich schon während des Fotografierens eine Maßgabe zu setzen, was du explizit nicht Nachbearbeiten möchtest. Zum Beispiel sollte (in der Regel) der Horizont immer gerade sein. Je schiefer der Horizont bei der Aufnahme, desto mehr wird hinterher im Bild abgeschnitten, wenn du ihn versuchst gerade zu ziehen. Vielleicht sind diese Bildbereiche, die abgeschnitten werden müssen, sogar essenziell für die Bildaussage. Ärgerlich und absolut vermeidbar!

Was man Bearbeiten kann

Kontrast

Kontraste zu verstärken gehört zu den Basics und ist selten fehl am Platz. Wenn du in JPG fotografierst, macht das schon das eingestellte Kameraprogramm für dich. In RAW kommen die Bilder grundsätzlich flau und kontrastarm daher, da RAW Bilder immer erst in einem RAW Prozessor entwickelt werden müssen.

Du veränderst nichts, was nicht schon da war.

Helligkeit

In JPG wird das schon schwierig. Dunkle Bereiche aufhellen geht nur, wenn du massives Rauschen in Kauf nimmst und helle, ausgefressene Bereiche lassen sich nicht mehr retten. In RAW kann ich über- oder unterbelichtete Bildteile zurückholen. Auch hier kann es zu rauschen anfangen, aber wesentlich geringer als in JPG.

In einer abendlichen Landschaft wird zum Beispiel der Mond völlig überbelichtet sein. Dann hole ich eben diesen Bildbereich über die Nachbearbeitung zurück. Schuld ist schließlich die Kamera (diesmal wirklich!), weil ihr Kontrastumfang nicht ausreicht. Eine technische Limitation, die aktuell existiert, mit RAW kompensiert werden kann und in einigen Jahren vielleicht sowieso nicht mehr relevant ist.

Hier veränderst du nichts, was nicht schon da war.

Farben

Werden die Bilder in RAW geschossen, sind sie unbearbeitet, flau und etwas matschig. Das ist gut so, denn nur so kann ich alles nach meinem Gusto anpassen. Normalerweise ziehe ich die Regler in etwa so, dass das fertige Bild dem nahekommt, was ich gesehen habe. Wenn mit JPG statt RAW arbeitest, dann überlässt du die Nachbearbeitung halt automatisch dem Motivprogramm deiner Kamera. Für viele reicht das schon und das finde ich auch in Ordnung. Selbst diese Bilder kannst du oft noch problemlos nachbearbeiten.

Kräftige Farben vermitteln oft frische und Vitalität, aber du solltest es nicht übertreiben, da es sonst schnell abstrakt oder kitischig wirken kann.

Mit weniger Farbe kannst du wiederum Ernst oder Seriosität vermitteln, siehe z. B. (hochpreisige) Autowerbung oder Schwarz-Weiß Fotos für Hochzeitsbilder.

Auch hier veränderst du nichts, was nicht schon da war.

Bildschärfe

Unscharfe und verwackelte Bilder sollten in die gelbe Tonne, nicht mehr geschärft werden. (Ausnahme sind Out of Focus und beabsichtigte Wackelbilder).

Wenn es das letzte seiner Art ist, kannst du es ja trotzdem noch für dich aufheben. Ansonsten ist Schärfen der finale Schliff und soll das Bild abrunden. Wenn es nicht mehr rund ist, wird es eckig: Treppeneffekte sind ein Zeichen dafür, dass das Bild zu sehr geschärft wurde.

Darf man dann auch Unschärfe hinterher einfügen? Also, wenn’s nach mir geht, darfst du alles was ein Herz begehrt. Moralisch vertretbar? Naja, geht so! Künstliche Unschärfe wird hauptsächlich für den Tilt-Shift-Effekt (heißt auch: Modellbahn oder Miniatur-Look) benutzt.

Hier verstärkst du nur, was vorher schon da war.

Dinge wegnehmen

Klar, jedes Fotomodell in der Werbung wird extrem bearbeitet und korrigiert. Schönheit wird bezahlt, selbst wenn künstlich erkauft. Ist das schlimm? Nicht für das Konsumprodukt! Womit wir wieder beim Verwendungszweck wären.

Du kannst zu Nachbearbeitung an Körper und Gesicht dazu stehen, wie immer du willst, aber was wäre denn die Argumentation um z. B. Pickel zu retuschieren? Ein/zwei Tage früher oder später und die wären gar nicht da gewesen. Auch Erschöpfungsfalten, die nur temporär zu Besuch kommen sind nicht unbedingt ein Persönlichkeitsmerkmal. Außer die Person ist ein Programmierer, dann ist das schon in Ordnung!

Schlimm ist es, wenn sich die Person selbst gar nicht mehr wieder erkennt. Wenn der zwar lustige aber dennoch der Person zugehörigen Zinken zurechtgerückt wird oder Sommersprossen nicht mehr da sind (jaja, Make-up ich weiß).

Ganz allgemein retuschiere ich alles weg, was zu diesem Zeitpunkt nur reiner Zufall ist und dem Bild in seiner Wirkung einfach nur schadet. Eine Zigarettenkippe auf dem Boden? Höchstwahrscheinlich! Ein Weidezaun in der Landschaft? Unwahrscheinlich.

Als retuschierbar zähle ich auch Bildstörungen wie Lensflares, Sensorflecken und Chromatische Abberationen. Und Menschen, die sind einfach überall!

Neben den Menschen habe ich hier auch noch den, von der Panoramafunktion des Smartphones, zerhäckselten Pfahl (Stitching Fehler) behoben. Damit sieht das Bild doch gleich brauchbarer aus:

Anstatt zu Stempeln bekommst du Menschen auch mit einer langen Belichtungszeit (+ Graufilter) weg. Voraussetzung ist, dass sich die Menschen innerhalb der Belichtung bewegt haben. Um wirklich alle wegzubekommen, musst du mehr Zeit einrechnen und eine Bilderserie machen. Lohnt sich mit Blick auf den Arbeitsaufwand und dem Nebeneffekt, dass andere Bewegungen auch weichgezeichnet werden, eher nur bei richtig belebten Plätzen, die man Menschenfrei bekommen möchte.


Ein anderes Beispiel für Dinge wegnehmen ist dieses Bild, bei dem im Original in den Ecken (vor allem rechts oben und unten) der Polfilter, den ich auf das Objektiv geschraubt habe, zu sehen ist.

Natürlich gibt es Möglichkeiten den Filter aus dem Bild zu bekommen, ganz ohne Stempeln und Nachbearbeitung:

  • Ohne Polfilter fotografieren (dass der Filter drauf ist, hat allerdings einen Grund)
  • mehr Reinzoomen (leichter Qualitätsverlust)
  • Bildbereich wegschneiden (Verlust von Bildbereich)

Insofern stempel ich hier mit gutem Gewissen, was die Pixel hergeben. Man beachte auch die Regenrinne im unteren Bildteil.  :)

Dinge hinzufügen

Okay, das wird schon schwieriger zu rechtfertigen. Ich werde es mal versuchen. Ich reibe mich da gerne am Mond auf – also wenn Leute zusätzlich einen Mond in das Bild einfügen, der da gar nicht war. Da es romantisch aussehen muss, wird es natürlich ein Sichelmond sein und natürlich schauen dann neben der Sichel die dahinterliegenden Sterne durch … da wo eigentlich die dunkle Mondseite sein müsste. AUTSCH.

Dann war da noch das Bild vom Segelschiff am Horizont mit einem Mond dahinter, der so groß wie die Sonne ist. Kreativ? Schon. Moralisch falsch? Auf jeden Fall.
Mit der Größe des Mondes an sich hab ich nicht so das Problem, mit einer Schiffsladung (heh) Brennweite könnte das schon so aussehen. Woran das Bild scheitert ist, dass der Mond viel zu klar ist. In Horizontnähe ist die Atmosphäre wesentlich dichter – Farben verblassen. Außerdem müsste der Mond durch die Brechung am unteren Ende deformiert sein und eine rötliche Farbverschiebung haben, wegen Physik und so. So sieht das dann aus.

Wenn die Linien im Bild auf ein Weitwinkel hinweisen, aber der Mond riesengroß ist, dann ist für mich der Unfall komplett. Man kann das natürlich gerne als Intention hinstellen, wie das z. B. der Film 300: Rise of an Empire macht. Dann aber bitte niemals behaupten: „Das war so, ehrlich!!!“.

Eine korrekte und sehr kurze Anleitung, wie man Monde richtig faked, äh ich meine künstlerisch verwendet, findest du bei xkcd :-)

In Kurz: Dinge hinzufügen, die gar nicht da waren ist grundsätzlich sehr fragwürdig.

Wie viel ist zu viel?

Wo genau ist die Grenze von zu viel Nachbearbeitung? Bei der Schärfe kann man das relativ gut sagen, bei Farben und Kontrasten wird schwieriger, da es neben der handwerklichen Ausführung auch Geschmack gibt.

Zu viel Schärfe

Unscharfe Bilder nerven, überschärfte Bilder nerven noch mehr. Wenn es an Kanten im Bild zu weißen Konturen kommt, dann war es zu viel. Wenn das Grundrauschen relativ hoch ist, dann wirst du je nach Schärfungsmethode auch dieses Rauschen mehr oder weniger mitschärfen. Auch das wäre zu viel.

/nachbearbeitung/moritzburg-ueberschaerft

Spätestens wenn du beim Schärfen weiße Konturen siehst, hast du zu viel geschärft.

Zu viel Sättigung

Natürlich gibt es richtig knallige Bilder bei denen stark gesättigte Farben wirklich gut aussehen. Wichtig dabei ist aber, dass es zum vorhandenen Licht passt. Wenn einzelne Bildteile herausstechen, dann sieht es schnell seltsam aus. Man bekommt das Gefühl, dass hier was nicht stimmt.

In diesem Beispiel habe ich die globale Sättigung hochgedreht. Der Himmel und das Wasser sehen noch halbwegs in Ordnung aus, aber die Burg leuchtet jetzt zu sehr und es wirkt unnatürlich:

In diesem konkreten Bildbeispiel funktionieren knallige Farben einfach nicht, daher habe ich die Farbwerte nur sanft angehoben:

Eine Überlegung wert: Farben nur lokal anpassen, je nachdem wie viel vor Ort benötigt wird. Das kannst du entweder im RAW-Konverter über die HSL-Einstellungen oder noch gezielter in Photoshop über Ebenenmasken.

Zu viel Klarheit

Der Klarheit-Regler ist ein wirklich cooles Werkzeug in Camera-Raw. Hier werden Lokalkontraste verstärkt und Strukturen hervorgehoben. Das Bild gewinnt zusätzlich an Schärfe. Gerade weil er so cool ist, neigt man schnell dazu es zu übertreiben.

Keine Frage, ohne Klarheit sieht das Bild matschig aus, was auch vor allem daran liegt, dass komplexe Strukturen im unteren Bereich beim Verkleinern des Bildes für diese Website hier zusammengepresst werden. Aber zu viel Klarheit sieht nach extremen HDR-Look aus – und leider geht der Trend immer mehr in diese Richtung:

Hier ist die Klarheit mittelstark angehoben und es wirkt immer noch besser als das Original, ohne dir gleich ins Gesicht zu klatschen:

Welche Werte nehme ich denn nun?

Welche Werte du bei den einzelnen Reglern einstellen solltest ist bei jedem Bild unterschiedlich. Und überhaupt, was bedeuten die Werte für das Bild? Wenn du z.  den Klarheit-Regler von +10 auf +90 stellst, siehst du sofort einen Unterschied. Aber von +18 auf +22? Der Unterschied ist marginal.
Deshalb wende ich immer öfter die Ignorier-die-Werte-Technik an. (Falls jemand weiß, wie die Technik wirklich heißt, kann er mir bitte gerne eine E-Mail schreiben!)

Die IDW-Technik in Camera Raw

  1. Jeden Regler in den Grundeinstellungs-Tab stellst du als Ausgangsbasis erst mal auf 0.
  2. Bei jedem Regler ziehst du den Wert auf Anschlag nach rechts, dabei schaust du nur auf das Bild, nicht auf den Regler!
  3. Jetzt schiebst du den Regler langsam wieder nach links, und zwar so lange, bis du das Gefühl hast, dass er wieder auf 0 steht. Dabei schaust du nicht auf den Wert, sondern nur auf das Bild.
  4. Falls du dir unsicher bist, schiebst du den Regler wieder schnell nach rechts und danach wieder langsam nach links, bis du denkst, dass er auf 0 steht.
  5. Wenn du das Gefühl hast, er stellt auf 0, lässt du den Regler los und schaust mal nach. In den meisten Fällen wird er auf einem positiven Wert stehen, der nicht zu viel ist.
  6. Arbeite dich durch alle Regler in den Grundeinstellungen durch. Danach sollte das Bild besser, aber nicht übertrieben aussehen.

Mit der Zeit wirst du den „Blick“ bekommen, welches Maß an Nachbearbeitung das richtige ist. Wenn es dich tröstet: Ich glaube das lernen wird auch bei diesem Thema nie aufhören, da hatte ich schon genügend schlaflose Nächte. Falls du übrigens nie wieder schlafen möchtest, empfehle ich dir die Seite photoshopdiasters.com. Dort wird gezeigt, wie größere Agenturen und Firmen mit Nachbearbeitung mal so richtig tief in den Lokus gegriffen haben!

Früher gab es ja so einen Mist nicht

Früher war nicht alles besser, aber früher gab’s auch gute Sachen.

Zum Beispiel die Dunkelkammer. Dort konnte man das Negativ in einen Projektor einlegen und auf lichtempfindliches Papier belichten. Um bestimmte Bildteile nicht so sehr zu belichten, konnte man Teile des Papiers abdecken oder mit einem Pinsel die Belichtung an bestimmten Stellen abzuschwächen.

„Moment mal Florian, war das etwa auch Nachbearbeitung?“ NEIN! DOCH! OHHH! (Referenz)

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